Lazarus Gitschner

Lazarus Gitschner und die Prophezeiungen des Mönchs vom Untersberg:

Man schrieb das Jahre 1529, als Lazarus Gitschner beim Stadtschreiber zu Reichenhall, 4 Stunden von Salzburg, in Diensten stand. Dieser beredete seinen Herrn und den Stadtpfarrer Martin Elbenberger, dazu noch einen Bürger von Reichenhall, mit ihm den Wunderberg zu besteigen.
Als der Tag angekommen war, den sie miteinander bestimmt hatten, machten sie sich in Gottes Namen auf den Weg. Nachdem sie eine gute Weile gegangen, kamen sie zu einer Klamm, der Hohe Thron genannt. In der Nähe dieses Platzes war auf einer großen Steinplatte eine Schrift mit silbernen Buchstaben eingehauen. Sie betrachteten diese einige Zeit, konnten sie aber weder lesen noch verstehen und gingen dann, nachdem sie noch weit auf dem Berge herum gestiegen waren, wieder nach hause. Sie sprachen miteinander über das Gesehene und der Pfarrer befahl dem Lazarus Gitschner, er solle den Berg noch einmal besteigen und die Schrift sich auf einen Papier abschreiben. Lazarus bestieg also gleich am anderen Tag – dies war am letzten Unsre-Lieben-Frauen-Tag im Herbst – den Berg, fand richtig die Stelle wieder und schrieb die Buchstaben genau und deutlich ab, wie sie hier folgen:

S. V. R. G. E. T. S. A. T U. M. *

Während er aber die Inschrift abschrieb, war der Abend hereingebrochen und da er so hin nicht mehr nach hause gehen konnte, so blieb er bei dieser Klamm über Nacht. Dies geschah an einem Mittwoch. Am Donnerstag, früh morgens, als er erwachte, und um sich umzusehen ein wenig aufwärts ging, sah er plötzlich einen barfüssigen Mönch vor sich stehen, der in einem Buche las und einen grossen Bund Schlüsseln auf den Schultern trug. Der Mönch frug den Lazarus Gitschner, wer er sei, woher er komme und was er wolle. Da dachte letzterer: Jetzt werde ich Gold bekommen und ein reicher Mann werden. Er erzählte daher den Mönch mit aller Vertraulichkeit, wer er sei und weshalb er hierher gekommen sei. Da sagte der Mönch zum Lazarus: „Komm auf eine Weile zu uns herein, du sollst es nicht bereuen; ich werde dir zu essen und zu trinken geben und zuletzt sollst du auch vernehmen, was die Schrift für eine Bedeutung hat.“ Sie gingen hierauf von dem Orte wieder zum Hohen Thron, wo der Mönch eine steinerne Tür öffnete und den Lazarus durch ein Tor führte, hinter dem eine steinerne Bank stand. „Hier“ sagte der Mönch, „auf diese Bank lege deinen Hut, denn an eben diesem Orte wirst du wieder herauskommen. Solange du da drinnen bist, sprich zu niemanden ein Wort, es mag einer zu dir sagen und fragen was er nur will; mit mir aber kannst du reden, was dir beliebt und recht ist, stelle jedoch keine vorwitzigen Fragen an mich und gib acht und merke dir alles wohl, was du da sehen und hören wirst.“
Mit diesen Worten gingen sie zum Tor hinein. Da sah Lazarus einen grossen Turm mit einer Uhr, die wie Gold im Sonnenstrahl funkelte. Der Mönch sagte: „Siehe, auf welcher Stunde der Zeiger steht.“ Es war eben 7 Uhr. Sie gingen weiter und Lazarus sah nun vor sich ein herrliches, schönes Gebäude mit 7 Glockentürmen, auf welchen die 7 Planeten prangten, einem ansehnlichen Kloster ähnlich, welches auf einer schönen, herrlichen grünen Wiese stand, die mit schattigen Obstbäumen voll der vornehmsten Früchte geziert und von 7 silberreinen Bächlein durchschlängelt wurde, die von einem prachtvollen Brunnen aus Alabaster mit 7 messingenen Röhren in ein grosses, siebenfach gewölbtes marmorsteinernes Bassin geleitet, ihren Ursprung nahmen.
In diesem Gebäude führte ihn der Mönch in einen prachtvollen Tempel mit einem von 7 x 7 schlanken Säulen getragenen prächtigen Sternengewölbe. Dieser Tempel war so gross, dass Lazarus am Eingange kaum den Hochaltar sehen konnte, und es vergingen ihm fast die Augen vor all der Pracht und dem Glanze, der da zu sehen war. „Diese Kirch“, sagte der Mönch, „hat mehr als 70 Altäre und 7 Orgeln ohne dem dazugehörigen anderen musikalischen Instrumenten.“ Vor dem Choraltar hiess ihn der Mönch beten, und auch er kniete nieder und verrichtete seine Andacht.
Nach dem Gebete führte er ihn hinunter in einen Kirchenstuhl, nahe bei einer Stiege, wo die anderen Mönche in die Kirche herabkommen sollten. Hier befahl er ihm zu warten, bis er wiederkommen und ihn wegführen werde. Also blieb Lazarus an dieser Stelle und es kamen als bald herab alte und junge Mönche, alle in hölzernen Schuhen. Sie sahen den Lazarus im vorübergehen heftig an und gingen vor zum Hochaltar, wo sie mit grösstem Eifer Chor hielten und die Horae sangen. Hernach wurden mit allen Glocken zum Gottesdienste geläutet, und es war ein so schönes und liebliches Läuten, wie er solches noch nie in seinem Leben gehört hatte.
Nun sah Lazarus grosse Scharen Volkes in anständiger Ordnung in die Kirche wallen. Alle trugen schöne, doch nicht übertrieben geputzte Kleider. Sodann fingen die Mönche an, auf allen Altären Messe zu lesen und am Hochaltar das Hochamt zu halten und sämtliche Orgeln mit allen übrigen Musikinstrumenten ertönten laut und prächtig, so dass es dem Lazarus nicht anders düngte, als wäre er wirklich im Himmel. Als nun der Gottesdienst vollendet war, ging alles Volk wiederum aus der Kirche und auch die Mönche verliessen den Chor und gingen wieder die Stiege hinauf, von wo sie gekommen waren. Über eine Weile kam der Mönch wiederum zu Lazarus und führte ihn über die gleiche Stiege hinauf. Nun kamen sie in ein grosses Vorhaus. Dieses war zu beiden Seiten mit hohen Fenstern versehen, durch welche man auf eine schöne grosse Wiese hinab sah, auf der das grosse Gebäude stand. Mitten durch dieses Vorhaus führte ich der Mönch in das Refektorium, welches oben gewölbt und mit Fenstergittern von Goldstangen wohl vermacht war. Da selbst standen lange, prächtige Tafeln. Zunächst der Tür setzte der Mönch den Lazarus an einen gedeckten Tisch und sagte: „Lazarus, jetzt bleibe da, ich will dir zu essen und zu trinken geben.“ Doch während er um das Essen ging, blickte Lazarus zum Fenster hinab und sah ganze Scharen Volkes über die grosse Wiese von einem Hain zum anderen hin und hergehen. Unter dessen kam der Mönch mit dem Essen daher, welches aus Fleisch, Kraut, Gersten, einem Laibl Brot und einem guten Becher Wein bestand. Das Speise- und Trinkgeschirr war funkelnd rein geputzt und von feinstem Silber. Hernach befahl er ihm, Gott dem Allmächtigen für das Essen dank zu sagen und führte ihn alsdann wieder in die Kirche zur Vesper. Nach Beendigung der Vesper gingen sie in die Bibliothek in der viele Bücher standen. Es war ein grosser Saal mit hohen, hellen Kirchenfenstern; die Bücher aber, die er darinnen sah, waren alle von Pergament und mit verschiedenen Farben bunt bemalt; darunter waren auch viele Tafeln, von Rinden der Bäume fein ausgearbeitet und mit eingegrabenen Namen, auch mit gar alten und ihn ganz unbekannten Buchstaben geschrieben. Der Mönch las ihm einiges vor und übersetzte es ihm; es handelten die Bücher aber von Geschichten und zukünftigen Weissagungen, wie es dereinst in der Welt sich zutragen sollte, mit Krieg, Hunger, Kummer, grossem Sterben und Pestilenz, und wie der Antichrist aufstehen werde und die Ungläubigen Scharen um sich versammeln und die Gläubigen verfolgen werde mit Feuer und Schwert; wie ferner das Häuflein der Gläubigen so klein werden würde, dass man es sozusagen, mit einer Wanne zudecken könne.
Da fragte der Lazarus den Mönch, wann wohl diese Zeit kommen werde; aber dieser gab ihn einen so derben Verweis über diese Neugierde, dass er sich nicht getraute noch einmal eine Frage zu stellen, ohne von den Mönch hierzu veranlasst zu werden. „Was brauchst du solche Geheimnisse zu wissen“, sprach der Mönch, „es steht uns beiden nicht zu, den selben nachzuforschen. Bei Gott allein steht es, wem er’s offenbaren will.“ Beide gingen hierauf durch das Vorhaus wieder in das Refektorium zurück, von wo sie zum Fenster hinaus auf die schöne Wiese hinabsahen, wo abermals viele Leute freundlich und gemeinschaftlich hin- und herwandelten.
Da erklärte ihm der Mönch: „Diese Leute sind gewesene Kaiser, Könige, Fürsten, Bischöfe, Prälaten, Ritter, adelige und unadelige Herren und Frauen, Klosterleute, Knechte und Dienstmägde, Reiche und Arme, alles christliche Leute, welche den Glauben gegen den Untergang geschützet und dafür gestritten haben. Unter den Selben waren aber auch viele, welche Lazarus selber noch gekannt hatte, als der Fürst der Salzburg, namens Leonhard von Keutschach, Herzog Albrecht von Bayern und seine Hausfrau, Prälaten von St. Peter und St. Zeno in Bayern und viele andere.
Hierauf fragte Lazarus, wer der sei, der die goldene Krone auf seinem Haupte und den Zepter in der Hand habe, worauf der Mönch erwiderte: „Dies ist der Kaiser, unser getreuer Regent, der auch alle übrigen Kaiser und Könige nebst anderen zu seinen Dienste in dem Orte unter sich hat.“ An diesem Kaiser sah Lazarus einen langen, grauen Bart, der ihm das goldene Bruststück an seiner Kleidung ganz und gar bedeckte. „An hohen Fest- und Ehrentagen aber“, fuhr der Mönch weiter fort „wird dessen Silberbart in zwei Hälften geteilt; einer kommt auf die rechte, der andere auf die linke Seite auseinander zu wallen, mit einem von kostbaren Perlen besäten Bande durchwunden.“
Der Kaiser hatte ein edles, ernstes und tiefsinniges Aussehen, doch verriet sein ganzes Wesen nur Milde und Freundlichkeit gegen seine Untergebenen, auch kam es ihn vor, als würden von ihm Befehle und Anordnungen ausströmen, ungeachtet er keine eigentliche Bewegung an ihm wahrnehmen konnte. Seine zahlreichen Trabanten aber konnte Lazarus, trotz vielen Sehens und Schauens nicht mehr beschreiben, und es war ihm, als wie ein stetes Kommen und Verschwinden aller nur erdenklichen Rüstungen und Mannschaften.
Lazarus sah sich öfters mit vielem Eifer und Nachsuchen um, wo denn dieser Kaiser Karl seine Residenz und die vielen Leute ihre Wohnungen haben möchten, wie auch, wo denn die Soldaten ihre Unterkünfte haben würden; allein er sah sonst nichts, als das schon erwähnte Gebäude und was darinnen war. Auch der Mönch gab ihn hierüber keine Auskunft, und als er mehrmals von Lazarus befragt wurde, was denn das Tun dieser Leute sei, gab er ihm eine Maulschelle, in dem er ihn wegen seines Vorwitzes wiederholt tadelte und ihn bedeutete, er solle mit dem Schauen zufrieden sei, und dass es besser sei, diese Geheimnisse nicht zu verstehen und zu wissen, da seine irdische Gebrechlichkeit überirdisches Wissen nicht zu ertragen vermöchte. Es sei indessen auch Zeit, sich aus diesen geheimnisvollen Aufenthalte zu entfernen, und er habe grossen Dank zu zollen, dass die Milde des Kaisers seinen Vorwitz nicht augenblicklich bestraft habe. Lazarus aber bat, noch bleiben zu dürfen.
Sie gingen dann in den Chor. Da kamen alle Mönche, je Paar und Paar, in schönster Ordnung und beteten und sangen aus Tafeln von fein gearbeiteter Baumrinde. Nach dem Chore verweilten die Mönche noch und schienen sich geistigen Betrachtungen zu widmen.
Nach Vollendung ihrer Andacht waren alle Mönche bereit, in den hohen Turm zu gehen, durch welchen Gitschner in den Berg hineingekommen. Die Schönheit dieses Turmes betrachtete er nach allen Seiten und da er voll Bewunderung zur strahlenden Uhr seinen Blick lenkte, sah er, dass sie eben wieder 7 Uhr zeigte, wie vormals, als er in den Turm hineingegangen. Der Mönch zeigte ihm da zu beiden Seiten 12 geschlossene, mit Eisen schwer beschlagene Türen, und sagte: „Durch diese geht man nach St. Bartholomä in Berchtesgaden; durch die zweite nach Salzburg in die Domkirche; durch die dritte nach Kirchenthal; durch die vierte kommt man auf Feldkirchen; durch die fünfte an die Gmain zur Mutter Gottes nächst diesem Berge; durch die sechste nach Seekirchen, 3 Stunden von Salzburg; durch die siebte nach Maxglan; durch die achte auf St. Michael; durch die neunte nach St. Gilgen; durch die zehnte auf St. Zeno, nächst diesem Berge; durch die elfte nach Maria Egg in Bayern; durch die zwölfte nach St. Peter und Paul.“ Und so zählte er ihn diese zwölf Gotteshäuser auf, wohin die Mönche abwechslungsweise zu wallfahren pflegten.
Diese Nacht gingen sie nun nach St. Bartholomä bei Berchtesgaden, um all da die Mette zu singen, und Lazarus wurde von dem Mönch auch dorthin geführt durch einen schönen Gang, der so weit und breit war, dass ihrer 3 leicht nebeneinander gehen konnten. Nachdem sie nun eine Weile gegangen waren, sprach der Mönch: „Sieh, Lazarus, jetzt gehen wir tief unter einem See.“ Darauf kamen sie in eine Kirche, in welcher die Mönche mit grösster Andacht Gottesdienst hielten. In den folgenden Nächten wurden noch mehrere Gotteshäuser besucht, welchen Weg sie allemal in kurzer Zeit zurück legten und dabei die volle Tageshelle hatten, obgleich keine Sonne zu sehen war; Lazarus erfuhr dabei, dass die zuerst besuchte ihn ganz unbekannt gewesene Kapelle jene zu St. Gilgen sei. Als er nun später aus dem Berge wieder heraus war, besuchte er eigens dieses Gotteshaus, um sich von der Wahrheit zu überzeugen, und fand es wirklich so.
Lazarus war bereits 7 Tage im Berge und hat nicht den geringsten Mangel an Essen und Trinken, sowie er auch stets in heiterster Stimmung war, da er während seines Aufenthaltes im Berge weder Sorgen noch Trübsinn, noch sonstiges irdisches Elend vernahm. Auch konnte Lazarus während dieser Zeit nicht wirklich entnehmen, ob diese Wunderbergbewohner Geister seien, obwohl er sie niemals essen noch trinken sah.
Endlich führte der Mönch den Lazarus wieder zu dem Tore durch das er hereingekommen war und wo er seinen Hut niedergelegt hatte. „Nun ist es Zeit, „sprach er zum Lazarus“ dass du wieder zurückkehrst nach hause“, und der Mönch gab ihm noch 2 Laiblein Brot mit auf den Weg und geleitete ihn sodann bis zu dem Turm, durch den er hereingekommen war. Sie blieben hier noch eine Weile stehen und der Mönch sagte: „Mein Lazarus! Du hast jetzt bei uns wunderliche Dinge gesehen, die du dir wohl merken und pünktlich aufschreiben sollst. Jetzt gib daher noch Acht auf das, was du noch zuvor, ehe du von diesem wunderbaren Orte scheidest, zum Unterrichte für dich und alle guten und ehrliche Leute von mir über die künftigen Zeiten und Begebenheiten vernehmen wirst.
Mit dem Verfall der Treue und Redlichkeit unter den Menschen werden über dieses Land und viele andere Länder betrübte Zeiten kommen. Die Verachtung der Religion und Gottesfurcht wird mehr böse als gutmütige Menschen hervorbringen. Der Unglaube an das göttliche Wort und seinen Willen und die Strafe des Himmels über ganze Länder verhängen; es wird kein Glaube, kein Eid, kein Zutrauen mehr sein. Die Leute werden nur nach zeitlichen Gewinn trachten und die Väter und Mütter werden ihre Kinder mehr zum Betrug, zum Geiz, Listigkeit und Hochmut erziehen, als zur christlichen Tugendhaftigkeit. Unter diesen Kindern wird, wenn sie erwachsen sind, für gute Leute nicht wohl zu leben sein; sie werden durch List und Vorteilen sich über andere zu erheben und die Guten zu unterdrücken wissen, ja selbst die großen Fürsten werden ihnen mehr trauen und ihren Schmeicheleien mehr Gehör geben, als den redlichen, die kein Gehör finden werden. Auch werden in den kommenden Jahren, besonders im Laufe der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, die Leute sich so verändern, dass sie über alles, was die Geistlichkeit und die Kirche von den Geboten Gottes, von der Tugend und christlichem Lebenswandel, von der Strafe für die Sünden lehrt und gelehrt hat, lachen und die Leute verachten werden, bei denen noch Christentum, Treue und Redlichkeit zu finden sind. Sie werden solche Leute verlachen als Narren, die in der Welt nicht zu leben verstehen. Unter ihnen aber wird nichts mehr in Schwung sein als Hoffart, Prahlerei, leerer Schein von außen und Niederträchtigkeit im inneren des Herzens. Betrug, List und Prahlerei werden ihre Haupteigenschaften sein, auf welche sie sich sogar noch viel zugute tun und stolz darauf sein werden. Daher wird unter ihnen meistens Hochmut herrschen, große Kleiderpracht und ausgelassene Verschwendung. Die Haushaltungen werden auf ehrliche Weise nicht mehr bestritten werden können; daher werden Untreue, Ehebruch und Lieblosigkeit, sowohl bei den männlichen als weiblichen, bei ledigen und Eheleuten zur Mode.
Sie werden durch den äusserlichen Putz ihres verächtlichen Laibes die Schande ihres Herzens decken wollen, obgleich sie jeder Ehrliche mit Verachtung anschauen wird. Allein dass sie sich überall, bei grossen und niederen, durch List, Schmeichelei und verschiedenen eigennützige Verbindungen grosse Gunst und Ansehen zu verschaffen wissen werden, so werden sie über die Redlichkeit meistens triumphieren und diese wird unterliegen müssen. Zu Gunsten seiner Habsucht und zur Bestreitung seines Hochmuts wird jeder seine sündhaften Streiche entschuldigen. Uneinigkeit und Misstrauen wird bei den Kleinen wie unter den Grossen herrschen, und die Letzteren selbst werden sich untereinander mit List und Falschheit begegnen, dabei in beständigen Kriegen, Zwistigkeiten und Anfeindungen ihre Völker immer mehr bedrücken und missmutig machen.
Zu jener Zeit werden die Wissenschaften auf den Universitäten und hohen Schulen auf das Höchste getrieben werden, aber nur zeitliche, eitle philosophische Künste und Verirrungen sein. Die Studierenden und Lehrer werden nur trachten, alle gelehrten Kenntnisse ihrer Vorfahren lächerlich zu machen, anstatt nützlichen Wissenschaften und Forschungen zu obliegen. Daher wird unter den Gelehrten des Disputierens über alle Dingen kein Ende sein und jeder von Ihnen wird alles und nichts wissen. Eifrige Sittenprediger, die den Worten Gottes nachkommen, werden bei den Vornehmen in grosse Ungnade kommen und mit Spott und Strafe belegt werden, daher die eitlen Prediger aus Furcht um der Gunst willen und der Wohltaten halber durch die Finger sehen, der Sünde schmeicheln und die feine Lebensart ihrer vornehmen Untergebenen beloben werden. Die Mindern werden den Vornehmen in allen Stücken, wo sie nur können, fleissig nachfolgen; sie werden ihre Kinder lieber in die Komödie als in die Kirche zur Anhörung des Wortes Gottes schicken, weil dort mehr feine Welt oder eigentlich das Laster im Gewande der Tugend und Frömmigkeit gelehrt wird. So werden sie ihre Töchter sowohl in ihrer Kleidung als in ihren sogenannten Sitten ganz nach den Komödie-Nymphenmodeln und sie mehr zu immerwährenden Komödie spielen als zu guter Hauswirtschaft und christlichen Hausmüttern zu bilden suchen. Sie werden durch ihren frechen und schamlosen Aufzug jedermann kundtun, dass bei ihnen vergebens ein Tropfen Ehrbarkeit zu suchen sei. Sie werden ihren Lüsten ihr und ihrer Eltern und Freunde zeitliches Wohlauf opfern und verwegen genug sein, ehrlichen und ehrenhaften Weibspersonen wegen ihrer Tugend und Ehrhaftigkeit mit Spott und Verachtung zu begegnen. Auch die Mannspersonen werden verdorben genug sein, die wollüstigen Schand-Nymphen den wenigen tugendreichen Töchtern vorzuziehen und damit sich ihren verdienten Lohn auf jede Art verschaffen.
Es wird an den Christenleuten kein äusserliches Zeichen des Christentums mehr zu sehen sein, und bei wem noch einen Rosenkranz, Skapulier, Kreuz oder Gebetbüchlein sehen wird, der wird als ein ungescheiter Betbruder von den Vornehmen und Gelehrten verlacht werden. Man wird nur den anderen Geschlecht zu gefallen in die Kirche gehen und um sich über die Kirchengebräuche und Andachten frommer Leute lustig zu machen; denn zu den selben Zeiten wird man für Frevel keine Bestrafung, viel weniger wie jetzt eine Inquisition zu befürchten haben. Es wird des Betragens der feinen Welt in der Kirche und auf der Gasse gar kein Unterschied mehr sein und man wird sich schämen in den Gotteshäusern, in Andacht und in Verehrung Gottes ein frommes Beispiel zu geben.
Der Untergebene wird seinem Vorgesetzten keinen Gehorsam mehr leisten und jeder nur tun, was ihn beliebt. Bei der immer närrischer werdenden Mode wird kein Schneider ein Kleid, kein Hutmacher einen Hut, kein Schuster keinen Schuh, überhaupt kein Meister etwas recht verfertigen können. Fleiss und Arbeit werden Schande sein und jedermann wird sich von ehrlicher Hantierung und Arbeit wegziehen und andere böse Streiche treiben, wo er besser dabei leben kann und ihn mehr Ansehen steht als der fleissige Arbeiter.
Daher wird auch die Teuerung in allen nur erdenklichen Bedürfnissen einen schrecklichen Grad erreichen und man wird nicht mehr wissen, wie man das notwendigste auf ehrliche Weise erwerben und herbeischaffen kann. Doch werden die ehrlosen Tagdiebe bei all ihrer Nichtswürdigkeit mit grösstem Hochmut sich über andere zu erheben wissen und die Fleissigen und ehrlichen Leute bei ihrer Arbeit und Ehrlichkeit bedrücken und verfolgen. Daher dann weiters unter den Völkern grosse Uneinigkeit und Unzufriedenheit entstehen wird, und selbst die mächtigen Potentaten werden schrecklich übereinander kommen und ein grosses Blutbad anrichten unter ihren Völkern, so dass die Bauern aus ihren Pflugscharen Waffen schmieden und gegeneinander zu Felde ziehen werden, wo dann der Fuhrmann von seinem Pferde absteigen und mit seiner Geissel der Pflugheber mit der Reitel, die Weiber mit Spiess und Gabel, die Handwerker mit ihrem Handwerkzeug, der Holzknecht mit seiner Hacke dazu laufen und einer den anderen umzubringen suchen wird.
Nächst dem  sogenannten Walser Felde wird eine schreckliche Schlacht vorfallen und ein so schreckliches Blutbad wird sein, dass den Streitenden das Blut vom Fussboden in die Schuhe rinnen werde. Die Vornehmen werden dabei wegen ihres ungenügsamen Lebenswandels und wegen ihres Undankes verfolgt werden, dass sie wünschen werden, insgesamt auf einem Sattel davon reiten zu können. Jede Menschen aber, die gut und fromm sind, werden von den Untersbergbewohnern geschützt und gerettet, die anderen hingegen niedergehauen und erschlagen werden.“
Ferner sagte der Mönch noch zu Lazarus: „Sie, dort auf dem grossen Walserfelde steht ein Birnbaum, welcher schon dreimal umgehauen wart, aber seine Wurzeln wurden sowohl beschützt, dass er wieder zu grünen anfing und ein vollkommener Baum wurde. Viele Jahre bevor sich die gräuliche Schlacht auf dem Walserfelde wird ereignen, bleibt er unfruchtbar da stehen; wenn er aber zu blühen anfängt, wird es schon nahe sein; wenn er aber schon gar anfängt Früchte zu tragen, dann wird das Ereignis bemeldeter Schlacht seinen Anfang nehmen. An diesem Birnbaum wird ein Herrscher, der aus Bayern kommt, zur letzten Schlacht sein Wappenschild aufhängen, ohne dass jemand dessen Bedeutung wird erraten können; dann aber wird er diesen samt seiner Mannschaft verlassen. Es wird dann nach und nach alles Volk durch verschiedene hereinbrechende Übel und Landplagen derart bedrängt werden, dass einer den anderen wird helfen können.
Der Dom in Salzburg wird von Feuer zerstört werden, und da man 1900 schreiben wird, wird die deutsche Treue und Redlichkeit beinahe vollends begraben sein. Der Vater wird zum Sohne und der Sohne zum Vater kein Zutrauen mehr haben, und so wird ein Freund den anderen betrügen, übervorteilen und um seiner Sache zu bringen versuchen. Um diese Zeit wird auch grosser  Mangel an Geld eintreten, so dass der gemeine Mann mit seinem Nachbar sich vereinigen wird, um aus ihrem vorhandenen Kupfergeschirr selbst Geld zu prägen, und gleichwohl werden die Leute nicht genug ausstudieren können, wie sie sich vornehmen, üppig und prächtig genug kleiden sollen. Die Magd wird ihre Frau am Putz weit zu übertreffen suchen und jeder wird trachten mehr zu scheinen, als er ist.
Aus diesem kannst du entnehmen, was für schreckliche Verwirrungen entstehen und was für Drangsale über die Völker werden können. Nun magst du im Namen Gottes wieder ruhig nach hause ziehen. Lebe hinfort gottesfürchtig und getreu unter deinen Brüdern, Freunden und allen Menschen, erweise ihnen alle Liebe und Freundlichkeit und erzähle vor Verlauf von 35 Jahren niemanden etwas von dem, was du hier in diesem Wunderberge gesehen und gehört hast.“
Lazarus Gitschner ging nun voller Erstaunen und Verwunderung über das Gesehene und Gehörte sogleich geradewegs nach hause. Der Herr Stadtpfarrer und Stadtschreiben von Reichenhall stellten den Knecht zu Rede, warum er solange ausgeblieben und jetzt so tiefsinnig und kleinmütig wäre; Lazarus aber tat bloss seine Schuldigkeit und übergab ihnen die verlangte Abschrift von der Klamm, von dem übrigen aber war er durch ganze 35 Jahre sehr still und äusserst verschwiegen. Bis dahin wurde Gitschner 65 Jahre alt und dann nahte auch sein Lebensende heran, vor welchem er das hier von ihm Beschriebene niederlegte und kundtat.

*) Surget satum: aufgehen wird, was gesäet worden.

Quelle: Alte Sagen aus dem Salzburger Land, Wien/Zell am See/St. Gallen 1948, S. 173 - 189

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