Abfalter

Nirgends waren die Riesen so daheim, als im Untersberg bei Salzburg. Dort wollen sie noch die GroßvĂ€ter des jetzigen Geschlechtes gesehen haben, wie sie allnĂ€chtlich, um die elfte Stunde, aus dem weit geöffneten Felsentor schritten und langsam, schweren Trittes hinauf nach der Spitze des Berges wallten.
Unterwegs war wohl der eine oder andere mĂŒde, lehnte seinen Arm auf eine der niedrigen AlmhĂŒtten und stĂŒtzte das Haupt in die Hand, um auszuruhen. Dann knarrt und kracht das HĂ€uschen in allen Fugen und die Menschen darin schĂŒttelt es im Bett hin und her, dass sie sich Ă€ngstlich bekreuzen und die Decke ĂŒber die Ohren ziehen. Es dauert auch nicht lang, so rafft sich der mĂŒde Wanderer wieder auf und schreitet den anderen nach.
Oben, auf dem Gipfel des Berges, wo man weit, weit in das Land sieht und ĂŒber Stadt und Strom und WĂ€lder schaut, da bleiben die Riesen stehen und blicken unverwandt nach Osten, bis der erste Strahl des FrĂŒhlichts dĂ€mmert. Dann kehren sie langsam dem rosigen Schimmer den RĂŒcken und wandern wieder hinauf in ihr finsteres Felsenheim.
Einer der Riesen, Abfalter genannt, hauste gleichfalls auf dem Untersberg, wo man noch heute den großen Felsengraben zeigt, der ihm zum Lager diente. Mittagsscharte Ettenberg klein
Er hatte noch kein Weib, gleich den anderen Wesen und wusste oft vor lieber Langeweile nicht aus noch ein.
Da warf er zum Zeitvertreib große Felsblöcke ins Tal hinunter, StĂŒck um StĂŒck, bis daraus jener ansehnlichen HĂŒgel entstand, an welchem die Dörfer Wals, Maxglan und Liefering liegen.
Aber auch dieses Steinwerfen wurde dem Riesen Abfalter zuletzt langweilig und eines Nachts beschloss er einen Spaziergang in die Weite. Über die Zwieselalm weg schritt er ĂŒber Geröll und riesige Steinblöcke hinweg hinauf auf den Gaisberg. Donnernd rollte ein FelsstĂŒck nach dem anderen, dass dem Verdrossenen die Wege versperrte, in die Tiefe.
Jetzt stand er oben auf der Höhe, lange, lange, wie seine BrĂŒder am Untersberg, das sehnende Antlitz gen Osten gerichtet. Dort dĂ€mmerte ein fahler Schein am Horizont.
Jetzt fĂ€rben sich die leichten Wölkchen rosig rot, ein frischer Lufthauch krĂ€uselt die Locken des RiesenjĂŒnglings und trotzig die FĂ€uste ballend, ruft er ins Tal hinunter: „Ich gehe aber nicht, ich will die Sonne einmal sehen, die uns Tod und Verderben bringen soll, weil sie uns Menschenkinder erschauen lĂ€sst. Ich bleibe, und sollte es mein Leben kosten. Ich will sie sehen, diese Sonne, und auch die Menschen.“
Kaum war das trotzige Wort verhallt, da hob es sich auch schon glĂŒhend im Osten empor, das glĂ€nzende, strahlende Gestirn des Tages. Abfalter stand und schaute, und nie geahnte Wonne durchbebte sein Herz. Was sind all unsere blinkenden SchĂ€tze dort in der Tiefe und in den Felsspalten gegen diese Wunder, rief er staunend. Ach, wie reich ist doch das Menschengeschlecht, dem so Herrliches Tag fĂŒr Tag geboten wird.
Aber immer höher stieg der strahlende, glitzernde Sonnenball und des Riesen nachtgewohntes Auge konnte bald sein Licht nicht mehr ertragen.
Langsam wandte er sich um und schritt in gewohnter Weise sich die Wege ebnend, dabei in Gedanken versunken, den Berg hinab zum Tale. Da – fast am Fuße desselben angelangt, stört leises Weinen und Schluchzen sein trĂ€umerisches Starren ins Blaue. Niederblickend gewahrt er auf der anderen Seite der Felsgruppe, an der er niederschritt, ein MĂ€gdelein, das betrĂŒbt am Ufer der Salzach auf und ab wandelt. Der Riese beschleunigt seine Schritte, um zu ihr zu gelangen. „Warum jammerst du so elendiglich“, fragte er die Dirne. „Ach, ich weiß nicht, wie ich ĂŒber den Fluss kommen soll,“ klagt das MĂ€dchen. „Ich hatte mir Steine gesammelt, die ich als Trittsteine in das Flussbett hineinlegen wollte, aber sie waren zu schwer. Da, seht nur, sie haben meine SchĂŒrze zerrissen und einen nach dem anderen habe ich verloren.“
Ohne sich lange zu besinnen, hob Abfalter das hĂŒbsche Kind auf seine Arme, setzte mit einem mĂ€chtigen Schritt ĂŒber die Salzach und ließ dort die Dirne wieder unversehrt zur Erde gleiten. Mit freundlichem, wenn auch scheuem Dankeswort schritt das MĂ€gdlein von dannen.
Abfalter hatte von Stund an aber keine Ruhe mehr in seinem Berg. Die Sonne hatte er geschaut und ein holdes Menschenkind dazu, obgleich den Bergriesen beides verboten ist. Nun trieb es ihn in ruhelosem Sehnen jeden Morgen hinauf auf den Gaisberg, den Sonnenaufgang wieder und wieder zu schauen.
Man zeigt noch heute die AbdrĂŒcke seiner großen FĂŒĂŸe im Gestein. Wie viel hundert Jahre mag er da gestanden haben, ehe der Abdruck seiner Fußstapfen so tief sich einprĂ€gte, wie oft mag er suchend am Flussufer nach der Menschenjungfrau gespĂ€ht haben, ehe auch fĂŒr ihn, wie fĂŒr das ganze Riesengeschlecht, die Sonne zum letzten Mal unterging.

 

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